Ich glaube an mein Persönliches Ideal

DIE GRUNDMELODIE MEINER SEELE
Das Persönliche Ideal ist kein Ziel, das erarbeitet werden muss, sondern eine Zusage, die längst da ist. Im Entdecken dieser göttlichen Handschrift im eigenen Leben und in der Ehe entfaltet sich Berufung – nicht im Perfektionismus, sondern im Vertrauen.
„Ich glaube an mein Persönliches Ideal“ – das heißt, ich glaube an Gottes leise, treue Handschrift in meinem Leben. Das Persönliche Ideal ist kein fernes Ziel, das man erst nach langer Suche hinter den Bergen der Selbstoptimierung findet. Es ist eine zarte Zusage, die da ist, bevor ich überhaupt begreife, wonach ich mich sehne. Mein Persönliches Ideal ist für mich nicht Ergebnis angestrengter innerer Suchbewegungen, sondern ein geschenkter Name, ein göttliches Ja, das mich trägt, ruft und – schon immer da – „nur“ noch entdeckt werden will.
Genial gedacht
Vielleicht ist das das Schönste daran: Ich muss mein Persönliches Ideal nicht wie einen verlegten Autoschlüssel suchen, der irgendwo zwischen Alltag, Eile und Müdigkeit auf der anderen Seite der Kommode liegt. Mein Persönliches Ideal will gefunden werden – nicht durch Hast, sondern durch Vertrauen. Nicht durch krampfhaftes Ringen, endlich jemand anderes sein zu müssen, sondern durch das stille Staunen, dass Gott mich längst gedacht hat. Genial gedacht hat. Mein Persönliches Ideal ist so gesehen nicht mein zu erwerbender Besitz, sondern – theologisch gesprochen – meine Berufung, meine Verheißung, mein Auftrag.
Als Ehepaar erfahren wir: Dieses persönliche Ideal bleibt nicht allein. Es sucht nicht Einsamkeit, sondern Begegnung. In der Ehe bekommt Gottes persönliche Zusage an mich ein Du an die Seite gestellt, das nicht ergänzt wie ein fehlender Knopf am Hemd, sondern wie ein lebendiger Widerhall, der den Klang meines Lebens, unser beider Leben, voller macht. Unser Eheideal ist nicht bloß die Summe zweier Persönlicher Ideale, sondern ein gemeinsamer Klangraum, der die einzelnen, persönlichen musikalischen Themen zu einer neuen Symphonie zusammenschreibt, die neue Melodien und Klänge hervorzubringen vermag.
Kernerlebnisse unseres Lebens
Ich glaube an mein Persönliches Ideal — wir glauben an unser Eheideal – und wir glauben daran, dass es sich nicht nur in leisen Worten oder frommen Vorsätzen verbirgt, sondern sich in den Kernerlebnissen unseres Lebens entfaltet: dort, wo sich die Zeit wie in einem Brennglas verdichtet, wo das Herz sich öffnet. Es sind diese Augenblicke, in denen sich das Leben zeigt und die dazu beitragen, dass wir zu den Menschen werden, die wir heute sind. Nicht flüchtige Ereignisse und Alltagserinnerungen, sondern jene Erfahrungen, die uns österliche Flügel der Hoffnung haben wachsen lassen; manchmal auch Momente, die uns hineinziehen in die ganz eigenen Karfreitagsmomente. Mein Persönliches Ideal, unser Eheideal, webt sich durch diese Momente hindurch, unsichtbar und doch präsent, wie ein roter Faden, der sich oft erst im Rückblick erkennen lässt.
Und wenn wir die Musikmetapher noch einmal aufgreifen – dann ist mein Persönliches Ideal die Grundmelodie meiner Seele, jener innere Klang, der durch alle Stimmungen, alle Dissonanzen und Harmonien tönt. Pater Kentenich nennt es den Grundzug, die Grundstimmung der Seele, die sich im Persönlichen Ideal ausdrückt und zeigt: ein leises, eigenes Lied, das nicht erfunden wird, sondern entdeckt. Es ist die Melodie, die in mir erklingt, bevor ich Worte dafür finde – manchmal zart wie ein Flüstern im Wind, manchmal kraftvoll wie ein Sturm, der alles bewegt. Sie trägt mich durch Höhen und Tiefen, gibt meinem Leben seinen unverwechselbaren Rhythmus und ruft mich immer wieder zurück zu dem, was ich im tiefsten Grunde bin. Dabei löst diese Melodie in meiner Seele Resonanz aus – ob ich mein Persönliches Ideal in Worte gefasst habe oder nicht.
Persönliches Ideal braucht Übersetzung
Ich glaube an mein Persönliches Ideal – das ist kein einmaliges Abhaken auf der geistlichen To-do-Liste, sondern eine fortwährende Aufgabe. Mein Persönliches Ideal bleibt (meist) nicht erstarrt in einem Bild, Satz, Wort oder Lied. Es will immer wieder übersetzt werden in die jeweilige Situation und Zeit hinein – wie eine Melodie, die in jedem Lebensabschnitt neue Instrumente sucht, neue Rhythmen, neue Texte. Das Persönliche Ideal, das ich als Jugendlicher vor Augen hatte, kann in Worten gleich klingen wie heute in der Elternrolle oder morgen in der Großelternrolle, in der Witwenrolle oder der Rolle des stillen Weggefährten. Doch es braucht eine lebendige Verbindung zu den biografischen Pfaden, auf denen wir gerade gehen: mal stürmisch wie mit kleinen Einhorn-Prinzessinnen, mal geduldig mit vorpubertären Tränen, mal tröstend, mal betend und möglicherweise weniger aktiv, wenn wir an eine Zukunft im Alter denken. Diese Deutungsaufgabe gilt es, immer neu anzugehen – nicht als lästige Pflicht, sondern als lebensmäßige Kunst. Denn Gottes Zusage altert nicht, aber sie kleidet sich um, webt sich in die Falten unserer Geschichte, flüstert in den Wendungen des Alltags und lädt uns ein, sie jedes Mal neu zu finden: neu zu entdecken in meinem Persönlichen Ideal; neu zu entdecken in unserm Eheideal. Ich glaube daran. Wir glauben daran.
Das Persönliche Ideal – eine Definition:
Das Persönliche Ideal bezeichnet in der Spiritualität Schönstatts die je einzigartige, von Gott gewollte Idee eines jeden Menschen.
Es drückt sich im Sinne der eigenen Berufung aus, als das innere Leitbild, als Kraft- und Motivationsquelle sowie als Zielperspektive der eigenen Persönlichkeit. Das Persönliche Ideal fungiert als geistiger Kompass, der den Menschen in seiner Selbstwerdung,
Sinnfindung und Entwicklung hilft. Es trägt jenen ureigenen, unverwechselbaren Lebensentwurf, in dem sich Begabung, Sehn-
sucht und Sendung zu einer einmaligen Idee verbinden, die in
Gott ihren Ausgangs- und Zielpunkt hat.
Zum Weiterdenken:
» Woran spüre ich meine eigene „Grundmelodie“ – was bringt meine Seele zum Klingen?
» Wie hat sich mein Persönliches Ideal im Lauf meines Lebens verändert?
» Wo erlebe ich in meiner Beziehung oder Ehe einen gemeinsamen „Klangraum“?
» Welche prägenden Erfahrungen meines Lebens haben mein Persönliches Ideal besonders sichtbar gemacht?