Ich glaube, dass ich wachsen kann.

JA, ICH WILL!

„Ich kann das – im Geheimen!“ Von Astrid Lindgrens Lotta lernen wir, mutig ja zum eigenen Wachstum zu sagen. Selbst wenn dieses langsam und unerwartet geschieht, lohnt sich der Schritt aus der Komfortzone. Denn mit behutsamer Geduld entfaltet sich genau das, was längst schon in uns angelegt ist.

Auf die Frage, welche Romanheldin ich einmal treffen wollen würde, wäre meine Antwort klar: Lotta aus der Krachmacherstraße. Ja, ich weiß, bei „Lotta kann fast alles“ aus der Feder von Astrid Lind­gren reden wir nicht von einem Roman, sondern von einem Kinderbuch. Und ob das rothaa­rige Mädchen eine Heldin ist, darüber mag sich philosophieren lassen. Begegnen würde ich der kleinen Lotta dennoch gerne. Ob­wohl, vielmehr würde ich gerne einfach dabei zusehen, wie sie so lebt, lacht und – „im Gehei­men“ – Dinge macht bzw. kann. Denn ja, darin ist Lotta eine Meisterin: Dinge im Geheimen tun. Fahrradfahren beispielswei­se. Das kann sie noch nicht. Aber im Geheimen eben schon. Oder einen Weihnachtsbaum besorgen oder, oder, oder. „Mit mir ist es komisch“, sagt Lotta, „ich kann so viel!“ – und hält es aus, dieses Komischsein.

Ich will wachsen

Von Lotta lerne ich immer wieder, dass es wichtig ist, an sich und seine Fähigkeiten zu glauben. Auch wenn letztere noch gar nicht sichtbar sind. Eben im Geheimen. Das Besondere an Lotta: Sie WILL wachsen. Hinein in neue Fähigkeiten, neue Stärken, neue Möglichkeiten. Den Glauben daran, dass sie wachsen kann, lässt sie sich nicht nehmen. „Ich glaube, dass ich wachsen kann“, wäre durch­aus ein Satz, den man Lotta in ihren kecken Mund legen könnte.

Umso spannender die Frage, wie es da um mich steht. Glaube ich, dass ich wachsen kann? Die Antwort ist ein klares Ja. Mit diesem Ja kommt möglicherweise eine neue Frage ins Spiel: Will ich denn auch wachsen? Nun, kommt darauf an, wo und wohin! Aus meiner Komfortzone herauswachsen, hin zu neuen Aufgaben, Fähigkeiten und Möglich­keiten? Wachsen, wo es sich meine Schwä­chen schön gemütlich gemacht haben? Weiterwachsen, wo so manch starre Abläufe und Gewohnheiten das Leben übernommen haben? Je länger man hinschaut, desto mehr Wachstumsmöglichkeiten lassen sich an allen Ecken und Enden entdecken. Und machen Lust, dieses Wachstum zuzulassen. „Ja, ich will!“, sage ich, und schon geht es los mit konkreten Ideen.

Grenzenlose Wachstumsmöglichkeiten

Wie wäre es, die Rückenübungen endlich in meinen Alltag zu integrieren? Oder end­lich ein paar mehr Gitarrengriffe zu lernen? Ebenfalls im Angebot ist der Ausbau meiner Toleranz gegenüber den durchaus interessan­ten Schlafgewohnheiten von Teenagern. Oh ja, hier ist noch Wachstumsluft nach oben! Vegane Ernährung einmal pro Woche? Auch in der Küche können wir wachsen. Nicht zu­letzt auch bei unseren geistlichen Übungen: im Dranbleiben an der Geistlichen Tagesord­nung (GTO) für die tägliche Verbindung nach oben und beim PE, dem Partikularexamen, bei dem wir ganz bewusst den nächsten kleinen Entwicklungsschritt gehen. Wachsen hin zu meiner „idealen“ Mitte. Wachsen hin zu unserem „Gott des Lebens“, der mir so manches Wachstum zutraut und mich dann und wann herauskitzelt, hin zu mehr Wachs­tum und Lebendigkeit.

Die Kunst der liebevollen Geduld

Das Herausfordernde am Wachsen: Es geschieht meist in aller Langsamkeit. Unaufhaltsam zwar, aber eben nicht im Sauseschritt. Nur Geduld, heißt es da. Wer im Garten zuhause ist, kennt das und weiß Bescheid: Wachstum braucht Zeit. Der Garten meiner Mutter ist hier ein prima Beispiel. Pflanzen, die scheinbar vor sich hin kümmern und wenig Hoffnung auf Wachstum machen, landen manchmal ganz bewusst in der Ecke. Nicht, um aussortiert zu werden, sondern um Zeit zu bekommen und unbeobachtet in aller Langsamkeit zu werden. Umso erstaun­licher, welches „geheime“ Wachstum meine Mutter Wochen später oft entdeckt. Wie es in Sachen Wachstum bei sich bestellt ist, darf jeder selbst einmal prüfen. Und landet hof­fentlich nicht bei dem schönen Stoßgebet, das da heißt: „Bitte gib mir Geduld, aber sofort!“

Wer weiß, vielleicht lernt man Geduld mit sich selbst erst mit den wachsenden Lebens­jahren. Ich glaube, es ist eine große Stärke, diese Geduld zu entwickeln. Denn darin steckt ein großer Hauch Behutsamkeit. Ja, ich denke, es braucht behutsame Geduld, um wirkliches Wachstum an sich selbst wahrzu­nehmen. Wachstum hin zu mehr Selbstbe­wusstsein, Toleranz und positivem Denken. Wachstum hin zu weniger Vergleichen, Klein-Klein und Bewerten. Wachstum hinein in neue Aufgaben, Umstände und Heraus­forderungen. Denn alles hat nicht nur seine Zeit, sondern braucht auch seine Zeit.

Ich bin schon wer! Wachsen in das eigene Sein

Das Spannende am Wachsen: Es wächst nicht immer dort etwas, wo wir es erwarten. Nicht umsonst ist der 2. Grundvollzug kurz und bündig und lautet eben nicht: „Ich glaube, dass ich wachsen kann, wo und wie ich es will.“ Zugegeben, so ein vordefiniertes Wachstum wäre etwas langweilig. Wo bleibt da die Überraschung? Umso überraschender ist übrigens die Geschichte vom kleinen Colombin, der am Königshof lebte – inmitten von Menschen, aus denen „schon etwas geworden ist“ und die ihn des Öfteren fragen, was er denn einmal werden möchte. Seine Antwort: „Ich bin doch schon wer. Ich bin Colombin!“

Gehalten, um zu werden, wer wir sind

Ja, wir sind schon jemand. Von allem Anfang an und genau so erdacht und geschaffen, wie wir eben sind. Mit Ecken und Kanten, mit Leuchtflecken und Lebensspuren. In dieses Sein immer mehr und immer wieder neu hineinzuwachsen, ist wohl eine ganz schön große und zugleich eine ganz schöne Aufgabe unseres Daseins. Da schwingt ein „Dürfen“ mit. Hineinwachsen dürfen, Stück für Stück. Und manches Mal, nicht erst am Ende, über sich selbst hinauswachsen. Dem Leben dabei ein Mehr an Weite und Möglichkeiten geben und sich aus der Sicherheit des Vorgedachten hinaus­wagen ins Nächste, Unbekannte, hinein in neue Wachstumsräume. Scheinbar haltlos und eben doch gehalten. Gehalten, um zu werden, wer wir sind. Um immer wieder sagen und spüren zu können: Ich bin schon wer. Und ich darf immer mehr sie oder er werden. Im Ge­heimen wie auch sichtbar in meinen Begegnungen, Gedanken und Haltungen. Ja, ich will!


Zum Weiterdenken:

» Was kann ich „im Geheimen“?
Welche Fähigkeiten schlummern in mir, an die ich fest glaube, obwohl sie für andere noch gar nicht sichtbar sind?
» Wo haben es sich meine Schwächen gemütlich gemacht? In welchem Bereich meines Alltags – in der Familie, im Beruf oder bei meinen Gewohnheiten – möchte ich die Komfortzone verlassen?
» Wie geduldig bin ich mit meinem eigenen Wachstumsprozess?
Gebe ich mir selbst die nötige Zeit zum Reifen, oder erwarte ich sofortige Ergebnisse?
» Wo wächst etwas, das ich so gar nicht geplant habe?
Welche überraschenden Entwicklungen oder neuen Wege darf ich in meinem Leben entdecken?
» Spüre ich, dass ich schon längst wer bin?
Kann ich annehmen, dass ich von Gott genau so gewollt bin, wie ich bin, während ich gleichzeitig weiterwachsen darf?