Ich glaube, Gott wirkt in meinem Leben.

AUFMERKSAM FUR DIE SPUREN GOTTES

„Ich glaube, Gott wirkt in meinem Leben“ – nicht immer durch die Lösung meiner Probleme und Konflikte, sondern oft dort, wo ich es am wenigsten erwarte. Eine Spurensuche.

Wir haben uns 2020 im Frühjahr verlobt, mitten im ersten Corona-Lockdown. Mit großer Hoffnung und Zuversicht legten wir einen Hochzeitstermin fest und waren uns sicher: Ein Jahr später können wir ganz normal feiern. Aber die Hochzeit rückte immer näher und die Corona-Regeln wurden und wurden nicht lockerer. Also schmissen wir gezwungenermaßen und mit einem mulmigen Gefühl unsere Pläne über den Haufen und planten eine Hochzeit, die den Corona-Richtlinien entsprach. Wir feierten nicht mit 100 Gäs­ten zusammen, sondern in kleinen Gruppen. Wir hatten keinen großen, festlich geschmück­ten Saal, sondern unterschiedliche Orte in der Natur und die Terrasse eines Restaurants. Wir tanzten nicht mit all unseren Freunden bis in die Nacht hinein, sondern verbrachten den Abend in einem kleinen, engen Kreis mit unseren Liebsten. Es war so gar nicht, wie wir uns das ursprünglich ausgemalt hatten – aber es war eine Hochzeit, wie wir sie uns nicht schöner hätten erträumen können. Würden wir heute nochmal heiraten, ohne Corona, dann würden wir trotzdem nichts an unserer Hochzeit ändern.

Gott wirkt anders

Gott wirkt in unserem Leben – ein großer Satz. Als Christen tendieren wir manchmal dazu, diesen Satz wie selbstverständlich auszusprechen. Ist es nur ein Glaubenssatz, der nun mal zu unserem christlichen Glauben dazugehört – oder sind wir uns der Tiefe dieser Überzeugung bewusst? Finden wir Momente in unserem Leben, bei denen wir sagen können: Hier hat Gott in meinem, in unserem Leben gewirkt? Wahrscheinlich entscheidet sich die Antwort auf diese Fragen an der Vorstellung, die wir von Gottes Wirken haben. Vermutlich hat niemand den Himmel aufreißen und Gott ein Wunder wirken sehen. Was bedeutet es also konkret, daran zu glauben, dass Gott in unserem Leben wirkt? Für uns zum Beispiel genau in so einer Erfahrung, wie wir sie an unserer Hochzeit gemacht haben: Gottes Wirken zeigt sich da, wo unsere Pläne durchkreuzt werden – und wo dadurch etwas Besseres entstehen kann.

Gerade im Kontext der Schönstatt-Spiritualität begegnet uns hier ein zentraler Gedanke, den Josef Kentenich immer wieder betont hat: Gott wirkt nicht nur unmittelbar, sondern vor allem durch soge­nannte Zweitursachen – durch Menschen, Ereignisse und scheinbar alltägliche Zusammenhänge. Josef Kentenich erfindet diesen Grund­satz nicht neu, sondern baut auf kirchlicher Lehre auf, die vor allem von Thomas von Aquin geprägt wurde. Er macht sich insbesondere Gedanken darüber, wie wir dieses Wirken Gottes durch Zweitursa­chen tatsächlich erleben, fühlen und nachvollziehen können. Wie es zu einer Haltung wird, quasi zu einer Brille, durch die wir unser Leben betrachten.

Im Gewöhnlichen

Diese Perspektive verändert den Blick. Gottes Wirken zeigt sich nicht nur im Außergewöhnlichen oder Wunderhaften, sondern gerade im Gewöhnlichen: in Begegnungen, Entscheidungen, auch in Umwegen und Herausforderungen. Wir neigen manchmal dazu, Got­tes Wirken dort zu vermuten, wo Probleme verschwinden, Konflikte sich wie durch ein Wunder auflösen oder Wege plötzlich klar vor uns liegen. Doch die Erfahrung zeigt: Nicht jeder Konflikt löst sich ein­fach auf – aber er kann sich verwandeln. Ein Gespräch, das zunächst festgefahren scheint, kann zu einem tieferen Verstehen führen. Eine Herausforderung in unserer Beziehung, die bleibt, kann uns wachsen lassen. Gottes Wirken zeigt sich dann nicht im schnellen Ergebnis, sondern im Prozess. Es liegt dabei an uns, dieses Wirken Gottes auch zu erkennen. Denn wenn Gott im Alltag wirkt, ist dieses Wirken nicht immer offensichtlich. Wir müssen lernen, es zu entdecken, wir müssen uns auf die Suche nach den Spuren Gottes begeben.

Durch das Gegenüber

Für uns als Ehepaar geschieht das konkret in kleinen, unspektakulä­ren Formen. Im gemeinsamen Gespräch, wenn wir Erlebnisse nach­klingen lassen und versuchen, darin einen Sinn zu entdecken. Im bewussten Rückblick auf den Tag, indem wir fragen: Wo war heute etwas, das mich berührt oder herausgefordert hat? Und nicht zuletzt im Gebet, das den Raum öffnet, das eigene Leben nicht nur aus der Ich-Perspektive zu betrachten.

Ein weiterer Aspekt wird durch diese Herangehensweise deutlich: Sie nimmt ernst, dass unser eigenes Handeln zählt – und verbindet sich damit unmittelbar mit den anderen Grundvollzügen des Liebes­bündnisses: „Ich glaube, dass mein Beitrag zählt“ und „Ich glaube an dein Charisma“. Gott wirkt nicht an uns vorbei, sondern mit uns und durch uns. Gerade in der Ehe ist das eine ebenso schöne wie herausfordernde Erfahrung. Im Wort des anderen, in seiner Sicht­weise, in seinem Zuspruch – aber auch in seiner Kritik – kann uns etwas von Gottes Wirken begegnen. Unterschiedliche Perspektiven, Reibungen und Missverständnisse sind dann nicht nur Hindernisse, sondern können zu Räumen werden, in denen Wachstum geschieht.

In schweren Zeiten

Und schließlich erweist sich Gottes Wirken auch dort, wo wir es am wenigsten vermuten: in Brüchen, in Unsicherheiten, in Zeiten der Überforderung. Nicht alles wird sofort verständlich oder sinnvoll. Manche Fragen bleiben offen. Doch im Rückblick kann sich zeigen, dass gerade diese Erfahrungen etwas in uns verändert haben – dass sie uns tiefer geführt haben, als es auf geradem Weg möglich ge­wesen wäre.

Der Glaube, dass Gott in unserem Leben wirkt, ist wahrschein­lich weniger fertige Überzeugung als vielmehr eine Haltung: die Bereitschaft, das eigene Leben immer wieder neu als einen Ort zu betrachten, an dem Gott handelt – oft leise, manchmal verborgen, aber dennoch real.

„Gott wirkt in unserem Leben“ ist eine Einladung, sich auf Ent­deckungsreise nach Gott im eigenen Leben und in der Beziehung zu begeben. Wer sich darauf einlässt, beginnt vielleicht anders zu fragen: Nicht nur „Warum passiert mir das?“, sondern auch „Was könnte darin angelegt sein?“ oder „Wo könnte sich hier – vielleicht ganz leise – etwas von Gottes Wirken zeigen?“ Der Glaube, dass Gott in unserem Leben wirkt, bleibt damit etwas Suchendes, kein fertiges Ergebnis, sondern ein Weg. Ein Weg, auf dem wir nicht alles verste­hen – aber auf dem wir lernen können, mehr und mehr zu vertrauen, dass wir nicht allein unterwegs sind.

Zum Weiterdenken:

» Wo haben wir in unserem Leben deutlich Gottes Wirken erfahren?

» Gab es Situationen des Scheiterns, der zerstörten Pläne, in denen im Nachhinein sein Wirken besonders deutlich wurde?

» Welche Rituale können wir entwickeln, um sensibler zu werden für die Wahrnehmung von Gottes Wirken in unserem Leben?