Ich glaube an Dein Charisma.

DEN GOLDSCHATZ IM ANDEREN ENTDECKEN

„Ich glaube an dein Charisma“ – das ist kein naiver Optimismus.
Es ist das Ja zum Plan Gottes mit jedem einzelnen Menschen.

„Papa, hast du schon gesehen? Ich habe unser ganzes Werkzeug auf einen Haufen getragen!“ Stolz strahlt uns unser 5-jähriger Sohn an, der beim Aufbau des neuen Möbelstücks helfen will. Dass die Aufräumarbeiten im Nachgang für uns Eltern ordentlich Zeit kosten werden, steht an zweiter Stelle. Was wir sehen, ist seine Freude am Mitwirken und an der Begeisterung für Handwerk­liches. Es ist einer dieser Momente, in denen wir spüren: Hier entfaltet sich gerade etwas. Hier wächst ein Mensch in seine Gaben hinein. Das gelingt nicht immer und überall, aber die Grundhaltung gegenüber unseren Kindern ist uns wichtig: Wir sehen dich, wir nehmen dich ernst und freuen uns an dir.

Der Gottesgedanke in dir

In Schönstatt gibt es einen Grundvollzug, der so schlicht klingt – und doch unser ganzes Leben umkrempeln kann: „Ich glaube an dein Charisma.“ Wenn wir diesen Satz hören, denken wir oft zuerst an außergewöhn­liche Talente – an Menschen, die wunderbar singen können, die geborene Redner oder Sportler sind. Doch im Sinne Pater Kente­nichs bedeutet „Charisma“ weit mehr. Es ist der ganz persönliche „Gottesgedanke“, den jeder Mensch in sich trägt. Es ist die Überzeugung: Gott hat in dich etwas hinein­gelegt, das nur du hast. Und ich setze alles daran, dieses Kostbare in dir zu sehen – auch wenn es unter einer Schicht aus Alltags­stress, schlechter Laune oder Unvollkom­menheit vergraben ist. „Ich glaube an dein Charisma” ist mehr als nur ein Kompliment. Es ist die Überzeugung, dass Gott in meinem Gegenüber wirkt und ausstrahlen will.

Der Blickwechsel im Ehe-Alltag

Hand aufs Herz: Nach vielen Ehejahren und mit vier Kindern zwischen Hausaufgaben, Sportverein und Berufsleben fällt dieser Blick nicht immer leicht. Wenn die Stinkeso­cken zum dritten Mal neben dem Wäsche­korb liegen oder das Wochenende mal wieder mit zu vielen Terminen zugepflastert wurde, sehen wir oft zuerst das, was nicht läuft.

„Ich glaube an dein Charisma“ bedeutet für uns als Ehepaar ein bewusstes Training im “Groß-Sehen“. Es ist die Entscheidung, uns nicht nur als denjenigen zu sehen, der ein wichtiges To-do vergessen hat, son­dern als die Person, die besondere Gaben und Talente in sich trägt, zum Beispiel mit einer unglaublichen Ruhe unseren Sohn zu trösten, wenn das Team im Fußballtraining mal wieder unfair war. Es ist das Wissen: In meinem Partner wohnt ein Reichtum, den Gott dort hineingelegt hat. Wenn wir uns so begegnen, verändert sich die Atmosphäre zu Hause. Wir dürfen einander groß sehen, respektvoll auf die Andersartigkeit des anderen schauen und ihn bzw. sie dazu ermutigen, an das eigene Charisma zu glauben und darin weiter zu wachsen.

Unsere Kinder: Edelsteine im Rohschliff

Bei unseren vier Kindern ist das „Charis­ma-Glauben“ eine tägliche pädagogische Herausforderung. Jedes unserer Kinder ist so völlig anders. Da ist das eine Kind, das seinen Plan sehr genau verfolgt – sein Charisma der Struktur kann uns manchmal fordern, wenn wir es eilig haben. Da ist das andere, das vor Energie sprüht und ständig in Bewegung ist – ein Charisma der Lebens­freude, das uns manchmal den Schlaf raubt.

An ihr Charisma zu glauben, heißt für uns: Wir sehen mehr als ihre Handlungen. Wir su­chen den „Goldkern“. Wir sagen ihnen (und uns selbst): „Ich glaube an das Große in dir.“ Wir wollen ihnen helfen, die Spur Gottes in ihrem eigenen Leben zu finden. Das ist wie eine Schatzsuche, die nie aufhört.

Auch unsere Kinder treffen in Kindergarten und Schule auf Kinder, mit denen sie nicht so gut können. Wir versuchen, auch hier unsere Haltung zu vermitteln. In Kinderwor­ten klingt das für uns so: „Ich bin gut und du bist gut.“

Auch bei den „wunderlichen Geschöpfen“

Spannend wird es, wenn wir den geschützten Raum unserer Familie verlassen. Wie ist das am Arbeitsplatz? Mit dem Kol­legen, der immer alles besser weiß? Oder mit der Nachbarin, die uns mit ihrer Art nur anstrengt?

Pater Kentenich hat uns den Blick für das „Heilige im an­deren“ gelehrt. Auch in dem „komischen Kauz“ oder dem unsympathischen Zeitgenossen wohnt Gott. Wenn wir diesen Menschen begegnen, betreten wir eigentlich heiligen Boden. „Zieh deine Schuhe aus, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.“ (Ex 3,5)

Diese biblische Erfahrung des Mose am brennenden Dorn­busch lässt sich auf jede Begegnung übertragen. Wenn wir versuchen, mit einer wohlwollenden Grundhaltung auf jemanden zuzugehen, den wir eigentlich ablehnen, kann sich etwas im Miteinander verändern: Wir fangen an zu fragen: „Herr, was hast Du Dir bei diesem Menschen gedacht? Wel­ches Charisma hast Du in ihn gelegt, das ich vielleicht noch gar nicht entdeckt habe?“ Oft bricht dann das Eis. Nicht, weil der andere sich geändert hat, sondern weil unser Blick sich gewandelt hat.

Wir treffen vielleicht auch Menschen, deren Charisma uns verschlossen bleibt. Dann können wir es nur Gott überlassen.

„Ich glaube an dein Charisma“ – das ist kein naiver Optimis­mus. Es ist eine tiefe geistliche Überzeugung. Es ist das Ja zum Plan Gottes mit jedem einzelnen Menschen. Wir wünschen uns viele „Brennende-Dornbusch-Momente“. Dass wir staunend vor dem Geheimnis des anderen stehen bleiben und durch unser Vertrauen dazu beitragen, dass das Gold in unseren Mitmenschen zu glänzen beginnt.

Zum Weiterdenken:

Für uns als Paar:
» Deine Stärken, deine besonderen Eigenschaften, in die ich mich verliebt habe – ich erzähle dir davon.
 
» Wann habe ich besonders gespürt, dass du mich „groß“ siehst?
 
» Wie kann ich dir dabei helfen, dass du dein Charisma immer weiter entfaltest?

Für uns als Eltern:
» Wir blicken wohlwollend auf jedes unserer Kinder und freuen uns miteinander über ihre Gaben, ihren inneren Reichtum.
 
» Wie können wir ihnen zeigen, dass wir sie wertschätzen und lieben, so wie sie sind?

Mit Blick auf unsere Mitmenschen:
» Gibt es Begebenheiten, in denen wir das „Heilige“ im anderen entdeckt haben?
 
» Wie können wir das „Gold“ in unserem Gegenüber zum Glänzen bringen?